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  Ramona Diefenbach

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               Liebe Leser,

willkommen auf dieser Seite und vielen Dank für Ihr Interesse.

Wenn Sie mich ab und zu im Netz besuchen, stellen Sie sicher fest, dass wenig Neues auf meiner Website eingetragen wird. Zwar arbeite ich weiter an verschiedenen Texten, es ist aber nichts abgeschlossen. Davon abgesehen bin ich nicht sicher, ob ich noch veröffentlichen möchte.

Den letzten Kurztext von mir, Die Hungerkünstler, finden Sie zwischen zahlreichen anderen, oft sehr persönlichen Texten von bekannten und weniger bekannten Lesesüchtigen in Die Schule des Lesens, einem Prachtband der Collection Büchergilde.

 

Bei den nachstehenden Empfehlungen geht es nicht um die Aktualität der Texte, sondern ausschließlich um deren Qualität.

Für den
 Dezember 2008

gilt dieselbe Regel wie für die vorherigen Weihnachtsempfehlungen (Natürlich müssen Sie an Weihnachten die Buddenbrooks lesen...).
Davon abgesehen: Von den Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe, hat mich keines so überzeugt, dass ich es empfehlen möchte. Da meine Lektüregelegenheiten aber spärlich ausfielen denke ich, dass mir bestimmt Interessantes entging. So bleibt nur der Rat, auf die Empfehlungen jener kompetenten Literaturrezensenten zurückzugreifen, bei denen sich Leselust und Respekt vor der Literatur verbinden.

Dezember 2007

Natürlich müssen Sie an Weihnachten die Buddenbrooks lesen, diesen sprachlichen und kompositorischen Kohinur der Literaturgeschichte. Falls Sie das Buch aber schon mehr als vier Mal gelesen haben und die letzte Lektüre weniger als sieben Jahre zurückliegt, empfehle ich Ihnen

Peter Kurzeck: Übers Eis, 2001

Peter Kurzeck ist eine feste Größe in der deutschen Gegenwartsliteratur. Seine autobiographisch gestalteten Texte sind keine Unterhaltungslektüre, sondern wunderbar präzise Reflexionen für nachdenkliche Leser.

Ein Frankfurter Winter in den achtziger Jahren. Der Erzähler in Peter Kurzecks Roman durchlebt eisige Zeiten nicht nur im meteorologischen Sinn. Seine langjährige Beziehung ist zerbrochen, Arbeit und Wohnung hat er verloren, der Kontakt zur geliebten Tochter Carina scheint gefährdet und die finanzielle Lage ist bedrohlich. Vorübergehend ist er in einem Zimmer untergekommen, das einer unwirtlichen Insel gleicht, aber auch die Frist für diese Zuflucht läuft bald aus. Jeder Weg, jede Handlung, fast jeder Gedanke des Erzählers gilt der Vergangenheit, die sein innerer Monolog rastlos bereist. Die  gemeinsamen Zeit mit der Lebensgefährtin, der Umzug nach Frankfurt, die Geldsorgen und ersten Veröffentlichungen, die Wohnungssuche und schließlich das Kind. Wie farbenprächtige Miniaturen leuchten kleine Szenen des Glücks in der Nebellandschaft der Melancholie: Carinas Schlafanzüge mit den verspielten Mustern, ein Glas Tee zwischen den Einkäufen, ein Winterabend mit der Familie. Der Leser wird Begleiter eines geradezu klassisches Schriftstellerleben unter dem Zwang der Begabung, gezeichnet vom Kampf um den Lebensunterhalt und bedroht vom literarischen Scheitern. Es ist reich einzig durch die Empfindungsfähigkeit des Erzählers. Sehnsüchtig und mitunter verzweifelt appelliert der Gedankenwanderer auf seinen Frankfurter Wegen an das Schicksal um Geborgenheit. Sein Frösteln überträgt sich auf den Leser, der als stiller Gefährte zum Mitgefangenen der eisigen Atmosphäre wird.
Auf dieser Suche nach der verlorenen Zeit ist kein Platz für die großmäuligen Blendungen der Gegenwarts(un)kultur, ihre Auslöschung ist Programm. Träume und Hoffnungen, Mühen, Scheitern und tiefe Liebe bestimmen die Erlebniswelt des Erzählers. Fast alles mag er verloren haben, niemals aber seine Würde. In seinen Reflexionen gewinnt das scheinbar Unbedeutende, Kleine und Verborgene seine wahre Größe, und so verwandelt sich im Textfluss die Passion des Erzählers zur Appellation an den Leser und erreicht eine religiöse Dimension. Der Leser wechselt von der emphatischen Begleitung zur angerufenen Instanz. Dieser Zug verbindet Peter Kurzecks Prosa mit den großen russischen Romanen des 19. Jahrhunderts.

Peter Kurzeck ist ein Romantiker der Melancholie. Er hat eine deutsche Winterreise geschrieben, die an Intensität und anrührender Empfindungsfähigkeit hinter dem berühmten Original nicht zurücksteht. Eine Weihnachtsgeschichte von kristallinem Zauber, die hoffentlich viele Leser findet.

 

Empfehlungen 2006

Natürlich müssen Sie an Weihnachten die Buddenbrooks lesen, diesen sprachlichen und kompositorischen Kohinur der Literaturgeschichte. Falls Sie das Buch aber schon mehr als vier Mal gelesen haben und die letzte Lektüre weniger als sieben Jahre zurückliegt, empfehle ich Ihnen für den

Dezember 2006

T.C.Boyle: Wassermusik, 1980

hervorragend übersetzt von Werner Richter

T.C.Boyle ist ein Bestsellerautor und vielen ein Begriff. In Deutschland wurde er mit der Wassermusik bekannt, und das zu recht. Der Roman ist allerdings keine romantische Festtagslektüre, sondern ein amüsanter und spannender Abenteuerschmöker, die perfekte Einstiegsdroge für Literaturmuffel. Das Buch ist also auch für männliche Leser geeignet.

Der Handlungsfluss setzt im Jahr 1795 ein. (Ganz nebenbei: in seinem ersten Absatz verwendet Boyle zum Einstieg in die Geschichte ein stilistisches Verfahren Johann Peter Hebels). Zwei Welten werden kontrastiert, Schottland und England auf der Höhe ihrer Bedeutung und das weitgehend unbekannte Westafrika. Der junge Schotte Mungo Park bereist diese Region, um im Auftrag der Afrika-Gesellschaft den Verlauf des Niger zu erforschen. Als Weißer für die Eingeborenen ein so exotischer wie unheimlicher Alien, wird seine Expeditionsreise zu einem Virtuosenstück des Überlebens. Gejagt von wilden Stämmen, bedroht von Fieber und Ruhr, Dürre, Überschwemmungen und Krokodilen, schlägt sich Mungo mit der Entschlossenheit eines Besessenen durch das fremde Gebiet, begleitet und unterstützt von einem als Sklave verschleppten, europäisch gebildeten Mandingo namens Johnson, gnadenlos verfolgt von seinem Widersacher Dassoud. Zu Hause im grauen Schottland wartet Mungos Verlobte Ailie auf die Rückkehr ihres Helden, und sie wartet lang.

Der zweite Fluss der Handlung folgt Ned Rice, einer klassischen Londoner Gossenpflanze, die vom ersten Keimen an ums Überleben kämpfen muss. Dieser Ned ist tatsächlich ein Überlebenskünstler, ein Held in Dickens‘scher Tradition. Als Gauner, Betrüger und Galgenvogel kämpft er sich nicht weniger einfallsreich und hartnäckig durch die gnadenlose soziale Wüste des Englands seiner Zeit, als der naive Mungo durchs wilde Afrika.
Im Lauf des Romans fließen die beiden Erzählströme zusammen und ihre Helden setzen die Reise ins Herz der Finsternis gemeinsam fort, bis das Schicksal sie wieder trennt. Mehr wird nicht verraten.

Boyles Abenteuer- und Schelmenroman lebt von der Übertreibung, sie ist das Stilmittel, mit dem er den Leser fesselt. Jede Situationen wird ironisch bis zum äußersten zugespitzt, um erst im allerletzten Moment aufgelöst zu werden, wonach sie sofort einem neuen Höhepunkt zustrebt. Nie war die Hitze unerträglicher, gab es ekelhaftere Parasiten, niemals waren die Wilden mörderischer und die Krokodile gefräßiger als in diesem Roman. Boyle weiß, was er tut, gekonnt jongliert er mit Klischees und Erwartungen und schreibt so mitreißend, dass wir uns dem exotischen Kontinent seiner Erfindung genauso hingeben müssen wie seine Helden dem Mahlstrom ihrer abenteuerlichen Leben.

November 2006

Paricia Highsmith: Ediths Tagebuch, 1977

Das  Unheimliche in der Normalität ist ihr Thema. Patricia Highsmith (1921-1995) gilt als eine der großen KriminalautorInnen des 20zigsten Jahrhunderts. Viele ihrer Bücher wurden verfilmt, unter anderem ihr erster Roman Zwei Fremde im Zug von Alfred Hitchcock, dessen Lektüre sich unbedingt trotzdem lohnt. Als Krimi-Autorin kann man sie allerdings nur bei weit gefasstem Genrebegriff bezeichnen, aber letztlich sind solche Zuordnungen bedeutungslos. Ediths Tagebuch ist mit Sicherheit kein Krimi im konventionellen Sinn, es ist die meisterhaft konstruierte Geschichte einer schleichenden Zerstörung.

Der Roman setzt im Jahr 1955 mit dem Umzug der Familie Howland von New York nach Pennsylvania ein. Die 36jährige Edith, ihr Mann Brett und ihr Sohn Cliff, genannt Cliffie, beziehen ein hübsches Haus in einer netten Stadt, zu deren lokaler Zeitung der Journalist Brett gewechselt ist. Edith kümmert sich um Haushalt, Kind und Mann und schreibt, durchaus ambitioniert, soweit ihre Zeit es erlaubt, als freie Journalistin. Doch Cliffie, beim Umzug 10 Jahre alt, ist ein Problemkind, ein notorischer Lügner, Drückeberger und verkappter Sadist. Die Angst vor pädagogischen Fehlern blockiert die Reaktion seiner Eltern und Cliffie nützt den Mechanismus aus.
Das Leben nimmt seinen Lauf, neue Freunde finden sich, politische Diskussionen begleiten den Alltag, Edith und Brett gründen eine lokale Zeitschrift, aber Edith bleibt für Haus und Sohn verantwortlich. In unregelmässigen Abständen trägt sie ihre Gedanken und Ereignisse in ihr Tagebuch ein.
Der Leser wird Zeuge des schleichenden Prozesses ihrer Ausbeutung, ein Vorgang, den sie selbst mit psychischen Tricks wie “stabiler Resignation” oder “positiven Gedanken” sich erträglich zurecht zu interpretieren versucht. George, ein alter Onkel Bretts, bezieht ein Zimmer im Haus, Cliffie, der Parasit, nistet ständig angetrunken und arbeitslos in seinem Jugendzimmer. Als Edith in den Vierzigern ist, verlässt Brett seine Frau und den inzwischen erwachsenen Sohn, zieht zurück nach New York und heiratet eine Jüngere, George, längst ein Pflegefall, sowie der unvermeidliche Cliffie, bleiben mit Edith zurück. Nach und nach entwickelt Edith in den Eintragungen ihres Tagebuchs eine Wunschwelt, während Cliffie, Ediths dunkle Seite, die unerträgliche Situation mit George auf seine Weise löst. Ediths Artikel für die lokale Zeitschrift und andere Magazine werden extremer, alleingelassen und hilflos entfernt sie sich von ihrer Umgebung. Bretts verlogene “Freundschaft” durchschaut sie als als beleidigenden Egoismus, und Cliffie, chronisch präsent, beeinflusst ihre Perspektive allmählich stärker. Schleichend, aber mit schrecklicher Konsequenz implodiert Ediths unterdrückte Wut nach innen.

Für den Leser ist es schwer erträglich, Ediths so rührende wie vergebliche Abwehrversuche zu verfolgen. Stellvertretend für die Protagonistin beginnt er vor Wut zu kochen. Die Psychologie der Figuren wird von Patricia Highsmith meisterhaft geführt, ihre Beschreibung der Mechanismen der Ausbeutung bei Täter und Opfer haben nichts an Richtigkeit und Schärfe verloren. Ediths Tagebuch ist ein Meisterwerk, ich hoffe sehr, dass Sie es lesen.  

 

Oktober 2006

Emile Zola: Paradies der Damen, 1883

Emile Zola (1840-1902) gehört zu den Autoren, deren Aktualität auf soziologischer, ökonomischer und sozialpsychologischer Ebene ungebrochen ist. Paradies der Damen ist sicher nicht sein bestes Buch und bleibt aus unterschiedlichen Gründen ein wenig hinter dem Bauch von Paris, Nana oder Das Geld zurück, auf der anderen Seite hat Paradies der Damen einen besonderen Reiz. Es beschreibt mit sinnlicher Kraft und analytischem Verstand die Verwandlung der ökonomischen Welt in ihre moderne Gestalt.

An einem milden Oktobertag kommt die junge Denise mit ihren zwei Brüdern, dem kleinen Pépé und dem halbwüchsigen Jean, aus der Provinz nach Paris, um nach dem Tod ihres Vaters bei ihrem Onkel Baudu Unterschlupf zu suchen. Dieser betreibt ein kleines, düsteres Ladengeschäft für Tuche und Flanelle in der Nähe eines großen Kaufhauses, dem “Paradies der Damen”. Mit Frau, Tochter und einem Ladengesellen nistet Onkel Baudu in seinem dunklen engen Laden, während die Kundschaft zunehmend zu dem mit Sonderangeboten und Ausstellungen lockenden Warenhaus überläuft. Nicht nur seine Existenz, auch die aller anderen umliegenden Einzelhändler wird vom “Paradies der Damen” bedroht. Finanzielle Unterstützung und Wohnung kann der verbitterte Baudu seiner Nichte und seinen Neffen nicht bieten, und so bemüht sich Denise, in der Provinz bei einem Modewarenhändler ausgebildet, um eine Anstellung in dem von ihrem Onkel gehassten und verachteten Warenhaus, von dem sie sofort fasziniert ist.

Ihr Wunsch geht in Erfüllung und ihre Passion beginnt. Aber Denise erträgt die Demütigungen ihrer Kolleginnen, die Übergriffe eines Abteilungsleiters, den Tratsch und die üble Nachrede mit der zähen Demut einer Heiligen der kleinen Angestelltenklasse. Die Arbeit als Verkäuferin ist körperlich anstrengend und psychisch zermürbend, aber sie ist Teil einer neuen Zeit, deren Zeichen Denise erkennt und akzeptiert. Während sich die Einzelhändler so lange gegen die Veränderungen sperren, bis sie vom unablässig wachsenden Warentempel verschlungen werden, wird Denise nach zahlreichen Verwicklungen am Ende von einem modernen Märchenprinzen erlöst: der Inhaber des Warenhauses und Meister der Damenträume erhebt sie zur Königin seiner neuen Konsumwelt.

Es ist gewiss nicht diese wenig originelle Aschenputtel-Geschichte, die das Buch so anziehend macht. Viel mehr ist es die exakte Beschreibung des anämischen Schwindens der alten Welt, ihrer Werte und Regeln, und die mitreissende Kraft der neuen, die den Leser heute wie damals begeistern. Das Elend der kleinen Verkäufer und Verkäuferinnen, der Stolz der zum Untergang verurteilten Handwerker, die Sorgen der Lieferanten werden durch Zolas Kunst lebendig. Er führt den Leser durch die Organisation des Warenhauses, er zeigt es ihm vom Keller bis zum Dach, erzählt von Verkaufsräumen und Ausstellungen, von Küchen, Kantinen und den gewaltigen Lagerräumen bis der Leser sich als Teil desselben fühlt. Durch die unerhört sinnliche Beschreibung der Stoffe und Spitzen, Handschuhe und Mäntel gibt Zola seinem Roman den Körper einer vom Luxus berauschten Dame, während er zugleich ein aktuelles Dokument der ökonomischen Veränderung präsentiert. Marketingaktionen und Preisdumping, Verführung zum Konsum, die Einbeziehung der Masse in den Markt, Kaufrausch und Unternehmensstrategie, das gesamte Arsenal auf der Jagd nach dem Gewinn wird im “Paradies der Damen” eingesetzt. Die Wirkung der grossen Warenhäuser auf die Ökonomie des Binnenhandels ist der heutigen der Globalisierung auf die Nationen oder Wirtschaftsgemeinschaften vergleichbar. Zolas Bewertung schwankt: er erkennt die Unvermeidlichkeit der Entwicklung und zeigt die Vergeblichkeit, gegen den Fluss der Zeit zu schwimmen, auf der anderen Seite ist seine spitzengeschmückte Verführungsmaschine ein unersättlicher Moloch. Heute wissen wir, dass damals ein Prozess begann, der sich unermüdlich fortgesetzt hat und mit dessen Folgen wir genauso leben müssen wie die Protagonisten in Zolas Roman zu ihrer Zeit.

 

September 2006

A.L.Kennedy: Alles was du brauchst

 (Everything you need, 1999)

Die Schottin A.L. Kennedy hat sich nicht nur im angelsächsischen Raum beinah auf Anhieb durchgesetzt, auch bei uns gilt sie zu Recht als eine der interessantesten GegenwartsautorInnen. Alle ihre Bücher sind lesenswert. Alles was du brauchst hat mir besonders gut gefallen.

Dieses Buch ist ein wunderbares Beispiel für die vollkommen idiotische Idee, ein Text von literarischem Rang ließe sich als Exposé auch nur annähernd angemessen darstellen. Kein deutscher Verlag hätte ein Exposé mit nachstehender Personen- und Handlungskonstruktion akzeptiert, - und doch ist der Roman überaus gelungen.
Mary Lamb, eine junge Schriftstellerin, erhält ein Stipendium von einer Stiftung, die einer kleinen Gruppe von Autoren ermöglicht, auf einer sonst unbewohnten Insel zu leben und zu schreiben. Seltsame Problembewältigungstechniken haben sich dort bei den Stipendiaten etabliert. Wiederholte Selbstmordversuche zum Beispiel, gegenseitige Abwertung wie gegenseitige Unterstützung, oder ein Beschwörungsritual für geheime Wünsche an die Zukunft.
Für Mary, von ihrer Mutter als Kind bei deren homosexuellen Bruder und dessen Lebensgefährten abgegeben, bedeutet der Aufenthalt Abschied von der Jugend und der Beginn ihrer Schriftstellerkarriere. Ihr Mentor auf der Insel ist Nathan Staples, als Autor erfolgreich, als Mensch unglücklich. Nathan ist Marys Vater, aber sie weiß nichts von diesem Verwandtschaftsverhältnis. Ihre Mutter hatte sich früh von Nathan getrennt und ihn genötigt, den Kontakt zur gemeinsamen Tochter aufzugeben.
So ist eines der Hauptthemen des Romans Nathans dauerhafte, aber unglückliche Liebe zu Marys Mutter und seine Anstrengungen, eine Beziehung zu seiner inzwischen erwachsenen Tochter aufzubauen. Ein anderes sind Marys erste Erfahrungen mit dem Schriftstellerberuf, der sich schwer mit einem emotional erfüllten Privatleben verbinden lässt. In einem Nebenstrang zur Haupthandlung wird der Literaturbetrieb in seinen tragischen und lächerlichen Komponenten vorgeführt.

Alles überkonstruiert, bizarr und unwahrscheinlich? Gewiss, wenn man die Handlung unabhängig von Stil und Darstellung bewertet. Genau letzteres allerdings entscheidet über den literarischen Rang eines Textes, und dieses Buch führt das Kunststück vor, auch die abwegigsten Verhaltensweisen und Strategien überzeugend zu präsentieren. Die Mehrzahl der Romanfiguren ist unglücklich, kämpft gegen Obsessionen und leidet unter Zwängen. Dabei gelingt es Kennedy, bedrückende Szenen sehr spannend, wenn auch (wie ich bei der zweiten Lektüre empfand) mitunter zu effekthascherisch zu gestalten. Der deutsche Titel Alles was du brauchst erinnert an einen bekannten Song der Beatles, der die Aussage dieses bemerkenswert intelligenten und sprachlich virtuosen Romans trifft: alles, was man braucht ist Liebe. Zum Schreiben, aber auch zum Leben.

 

Juli und August 2006

In diesen zwei Monaten wurde ich durch die Arbeit an meinem aktuellen Projekt und nicht weniger durch die Anforderungen der uns allen lästigen Selbstverwaltung zu sehr beansprucht, um eine Empfehlung zu schreiben.

 

Juni 2006

Pat Barker: Die Strasse der Geister,

(The Ghost Road, 1995)

Mit ihrer Romantrilogie Niemandsland, Das Auge in der Tür und Die Strasse der Geister wurde Pat Barker zu Recht als eine der bedeutendsten GegenwartsautorInnen bekannt. Jeder Band ist ein abgeschlossener Roman und kann als solcher gelesen werden. Meiner Meinung nach ist Die Strasse der Geister der beste, und ein Meisterwerk, das sich als Klassiker über die Zeit behaupten wird. Das klügste Buch über das Wesen der Männer, das ich kenne.

Zwei Protagonisten bestimmen die Perspektiven des Romans, dessen historischer Schauplatz das Jahr 1918 und damit der 1. Weltkrieg ist. Der erste, Billy Prior, Held nicht nur im Sinn literaturwissenschaftlicher Terminologie, ist Überlebender der Schlacht an der Somme und wurde wegen eines sogenannten “Granatschocks” in der Psychiatrie behandelt. Der zweite ist der Psychiater Rivers, dessen Arbeitsgebiet die von Kriegserlebnissen ausgelösten psychischen Verheerungen der Eingewiesenen ist. Rivers behandelt seine traumatisierten Patienten sowohl mit archaischen Methoden der Suggestion wie mit den modernen Mitteln der Gesprächstherapie. Die beinah lakonische Darstellung der Versehrten und ihrer (Kranken-)Geschichten in seiner Abteilung verhindert ein Ausweichen der Betroffenheit des Lesers ins Sentimentale.
Durchbrochen wird der aktuelle Handlungsverlauf von Erinnerungen Rivers, der anthropologische Studien bei einem Kopfjägerstamm in Melanesien durchführte. Sein dortiges Pendant, der Arzt-Priester Njiru, erteilt Rivers (wie dem Leser) Lehrstunden über das kulturelle Grenzgebiet von Medizin, Psychologie und Mythos. Das Selbstbewusstsein und die Intelligenz Njirus, eingebettet in die Mythologie der Kopfjäger, werfen ein anthropologisch erhellendes Licht auf die Hintergründe und Mechanismen des Krieges im allgemeinen.
Billy Prior möchte, vordergründig gegen alle Vernunft, zurück an die Front. Nach seinen Erlebnissen in der Schlacht empfände er sich unter Zivilisten chronisch verfremdet. Nach Frankreich zurückgekehrt verlebt er einige traumhaft  zeitferne Nachsommertage in einem kleinen Dorf, bis er, kurz vor Kriegsende, in seine letzte Schlacht zieht.

Pat Barker analysiert den Krieg, seine Schrecken und Lüste, mit unerhört suggestiven Bildern. Ihre klare, direkte, dabei hochliterarische (Bilder-)Sprache zeichnet eine Seelenlandschaft des Männlichen, die durch das unauflösbare Dilemma des Sieges auf Kosten der Selbstvernichtung charakterisiert ist. Die archaische Herrschaft der Kriegsgeister, das große Vergnügen am Jagen und Töten, ist Teil der männlichen Natur.
Pat Barker vollzieht eine literarische Autopsie. Sie ist eine große Autorin und ich wünsche ihr jede denkbare Anerkennung.

 

Mai 2006

Thomas Hardy: Am grünen Rand der Welt

(Far from the Madding Crowd, London 1874)

Thomas Hardy (1840-1928) ist ein Klassiker der englischen Literatur, in Deutschland aber leider weniger bekannt als es wünschenswert wäre. Far from the Madding Crowd war seinerzeit ein Publikumserfolg, und der Roman überzeugt bis heute durch die Klugheit der Reflexionen, seine geschickte Konstruktion, und durch die überzeugende Beschreibung des englischen Landlebens.

Als vorgeblicher Held der Handlung erscheint Gabriel Oak, 28 Jahre alt und Junggeselle, der es vom Schäfer über eine Verwalterposition bis zur eigenen Farm gebracht hat, als ihn das Schicksal unsanft in die ursprüngliche Position zurück befördert. Als tatsächliche Heldin allerdings setzt sich  im Lauf des Textes (mitunter wohl geradezu gegen den Willen des Autors), die schöne Bathsheba Everdene durch, um die der Farmer Oak kurz entschlossen, aber erfolglos wirbt, und bei der er nicht lange danach als Schäfer in Dienst tritt.
Bathsheba ist eine für ihre Zeit ungewöhnlich selbstbewusste, ihre Freiheit und ihren Aktionsradius entschlossen verteidigende Persönlichkeit, und Thomas Hardy hat einige Mühe die Gegebenheiten so zu konstruieren, dass sie männlichen Beistands bedarf. Um die kluge und charakterfeste Heldin bewirbt sich nach Gabriel Oak auch Boldwood, der ehrenwerte Pächter der benachbarten Farm, sowie an fortgeschrittener Stelle des Romans der Frauenliebling Sergeant Troy. Eingebettet in die Ereignisse des Farmerlebens ist die Liebe mit ihren komplizierten Bedingungen und Wirkungen das Thema des Romans. Sie greift in die Pläne und Aktionen der Protagonisten ein und spart weder mit Herausforderungen noch mit Demütigungen. Keiner der Beteiligten kommt ungeschoren davon. Der spannende Handlungsverlauf wird hier natürlich nicht verraten, aber das happy ending, das Gabriel Oak als wahren Helden restituieren soll, weist einen resignativen Zug auf. Letzterer denunziert den Autor als seiner Protagonistin nicht gewachsen. Thomas Hardy ist im Rahmen seiner Zeit weniger frauenabwertend als üblich, aber er ist es mitunter. Die heutige Leserin traut der sympathischen Heldin mehr zu, als der Autor erlaubt.

Ein gehobenes “Vom Winde verweht” in den grau-grünen Farben der englischen Landschaft. Oder ein Schäferroman mit durch die Schur errötenden Schafen, wenn man so möchte.

 

April 2006

Borger & Straub: Kleine Schwester, Diogenes 2002

Martina Borger und Maria Elisabeth Straub schreiben als Autorinnenduo. Bekannt geworden sind sie durch ihren Roman Katzenzungen, der sich mit dem komplexen Verhältnis dreier Freundinnen zueinander beschäftigt. Kleine Schwester ist Borger & Straubs zweiter Roman.

Erzählt wird Kleine Schwester von der knapp zwölfjährigen Lilly. Klug reflektierend berichtet sie von den Ereignissen des vergangenen Jahrs, von ihrer schönen Mutter Ela, die sich unbedingt ein zweites Kind wünschte, und von ihrem Vater Carl, der vor allem wünscht, dass seine Frau glücklich ist. Die unerfüllte Sehnsucht Elas führt schließlich zur Aufnahme eines Pflegekinds in die Familie, das auf beste Bedingungen zu treffen scheint, immerhin ist Ela Kindergärtnerin, Carl hat einen eigenen Betrieb, und auch die kleine Lilly ist eifrig um ihre neue Schwester bemüht. Aber schon bald stellt sich heraus, dass sich dieses Kind trotz aller Anstrengungen nicht wie erwartet entwickelt. Dann muss Carl seinen Malerbetrieb aufgeben, die Familie wechselt den Wohnort, die ohnehin labilen sozialen Beziehungen zerbrechen endgültig. Während sich die Erwachsenen schleichend vor der Realität verschließen, bleibt Lilly mit den zunehmenden Problemen allein. Ihr Konflikt aus Verantwortungsbewusstsein und Überforderung ziehen den Leser unerbittlich mit in den Strudel der verhängnisvollen Entwicklung. Bald hat die kleine Lotta nur noch Lilly auf ihrer Seite.

Wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau wird Ela rastlos vom unerfüllbaren Wunsch nach Vollkommenheit und Glück getrieben. Ihr Versuch, alles zu gestalten und zu kontrollieren, scheitert weniger an den zunehmend schwierigen Bedingungen als am Gesetz seiner Dynamik. Eine perfekt aufeinander abgestimmte Psychologie der beteiligten Figuren führt zur Entwicklung einer jener Katastrophen, die in kurzen Abständen die Medien beschäftigen und die Gesellschaft schockieren. Lilly, sowohl distanz- als auch als empathiefähig, verweigert ein Urteil, handelt aber im letzten Moment. Kleine Schwester ist eine meisterhaft stimmige Geschichte.

 

März 2006

Fjodor M. Dostojewski: Der Spieler

Fjodor M. Dostojewski (1821-1881) gehört zu den Klassikern nicht nur der russischen, sondern auch der Weltliteratur. Sein Werk ist gewiss kein Geheimtipp. Wirkt er inzwischen umständlich und verstaubt? Keineswegs. Sein Roman Der Spieler z.B., erschienen 1867, hat nichts an Intensität eingebüßt. Die Lektüre ist ein Abenteuer, eine Reise ins Innere der menschlichen Natur.

Ein Erzieher in Diensten eines russischen Generals erzählt in subjektiver Perspektive von seinem Aufenthalt in “Roulettenburg”, einer deutschen Stadt, die weniger wegen ihrer Bäder- und Trinkkuren, als wegen ihres Casinos besucht wird. Gleich im ersten Absatz ist von den finanziellen Verhältnissen der beteiligten Personen die Rede, deren Zukunft, damals nicht anders als heute, wesentlich von diesen abhängt. Der mit Ungeduld erwartete Tod einer reichen Erbtante,  der nicht eintreffen will, die Angst Polinas, der Stieftochter des Generals, um ihre Mitgift, der drohende Ruin der Familie, der Versuch professioneller Nutznießer, vom erhofften Reichtum zu profitieren, halten die kleine Gesellschaft und ihre Trabanten unter Spannung. Verliebt in Polina, unzufrieden mit seiner Lage, wird der Erzieher in die unterschiedlichen Interessen gezogen, bis er selbst in den Strudel der Schicksalskugel gerät.
In einer fest geregelten Gesellschaft ist die Möglichkeit, durch ein Spiel den Zufall zu wenden, ihn gar zu kontrollieren, eine unerhörte Herausforderung. Auserwählter des Glücks oder Meister des Zufalls zu sein, das sind die suchtauslösenden Drogen. Längst kontrolliert statt kontrollierend, setzen die Spielsüchtigen Zukunft und Leben.
Durch seinen atemlosen Stil gelingt es Dostojewski, den Leser selbst an den Spieltisch zu setzen. Er zieht ihn in den Bann des Glücksrads, reizt seine Abenteuerlust und Gier, obwohl der Leser, nicht anders als die Protagonisten, um die Herrschaft des Zufalls weiß.
Der Spieler ist ein Meisterstück der Psychologie, unvermindert aktuell, eine Studie über Grundlagen und Verlauf einer Sucht. Und nur der Leser kann gewinnen, denn nur dieser delegiert sein Spiel auf ein imaginäres Ich.

 

Februar 2006:

John Banville: The Sea, Picador 2005

John Banville gehört zu den international anerkannten Autoren. Bis jetzt ist The Sea nur in englischer Sprache erschienen, es ist aber zu hoffen, dass der Text bald in deutscher Übersetzung angeboten wird. Wenn Sie das Buch im Original lesen können, ist es allerdings einen Vorteil. Banvilles präzise und poetische Sprache erfasst die geschilderten Ereignisse mit suggestiver Intensität.

Nach dem Tod seiner Frau kehrt Max Morden auf der Suche nach Ruhe an jenen Ort am Meer zurück, wo er als Junge unvergessliche Ferien verbracht hat. Mit Staunen und Melancholie sieht er zurück auf sein Leben. Leuchtend und voll rätselhaften Zaubers, unwiederbringlich entrückt und gegenwärtig zugleich erstehen vor seinem inneren Blick die Szenen jenes Sommers. Die fast gleichaltrige Chloe und ihr Zwillingsbruders Myles, deren Eltern und das schöne Kindermädchen Rose, ebenfalls Feriengäste, faszinieren den jungen Max. Über sie und mit ihnen lernt er zum ersten Mal die Liebe und ihre Folgen kennen. Die ganz anders gestaltete, erwachsene Liebe zu seiner Frau Anna, deren Sterben und die Einsamkeit, in der der alte Mann sich danach findet, ergänzen und kontrastieren die Erfahrungen jenes Sommers mit tiefen Tönen. In Bildausschnitten und Gedanken, Selbstreflexionen und Bewertungen  entsteht das Selbst-Bild eines Ich. Der Roman wirkt wie ein impressionistisches Gemälde, stimmungsvoll in Licht und Farbe, kunstvoll komponiert und voll  des träumerischen Zaubers der Erinnerung.
Es würde mich freuen, wenn er viele Leser findet.

 

Januar 2006:

Frank Schulz: Kolks blonde Bräute. Hagener Trilogie I. Zweitausendeins, April 2005

Für viele ist dieses Buch längst Kult. Es war schon 1991, als es beim Haffmans Verlag erschien, ein Erfolg. Später wurde es von Zweitausendeins zur Freude vieler Fans neu aufgelegt.
Kolks blonde Bräute ist eine tiefkomische, wunderbar genaue Studie über die Kneipenszene der 70er Jahre. Der Text handelt vom gefährdeten Abschied einer Gruppe skurriler Zausel von ihrer schon bis zum Zerreißen überdehnten Jugendzeit, den Saufgelagen und heißen Bräuten, und dabei beschreibt er den Prozess des Übergangs vom Erlebnis zur Legendenbildung, also zur persönlichen “Geschichtsfassung” einer Lebensepoche. Frank Schulz’ Beobachtungsgabe, sein scharfer, aber liebevoller Blick auf den Briefträger Kolk und seine Freunde bereichert die deutsche Literatur um ein paar sympathische Biernasen und unvergessliche Problemlöseverfahren, und erzeugt tiefe Anteilnahme am Schicksal seiner Helden.

Einlesen müssen Sie sich schon, auch wegen des mit akustischem Gespür ins Schriftliche transponierten Dialekts, aber es lohnt sich. Literaturgeschichtlich gehört Schulz  in die Tradition des inzwischen fast vergessenen Jean Paul.
Am besten stellen Sie ein paar Biere kalt, bevor Sie los lesen.

Viel Vergnügen!

 

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